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Als ich vor kurzem darüber nachdachte, unseren Leonbergern ihr Hundefutter in erhöht positionierten Näpfen mit Hilfe einer Futterbar anzubieten, wurde ich dafür von einer Bekannten milde belächelt und darüber aufgeklärt, dass schließlich ein bekannter Fernsehhundeprofi auf die Tatsache hinwies, dass kein Wolf seine Beute erst auf ein Podest trägt, bevor er sie frisst und es demzufolge auch nicht in der Natur des Hunds liegt, seine Nahrung aus erhöhter Position zu sich zu nehmen. Ebenso abwägig sei es dem Hund ein ein Hundebett für die Bequemlichkeit zu kaufen.

Besagter Hundeprofi erklärte aber auch, dass der Wolf keine pünktlichen Fütterungszeiten kennt, weil er dann frisst, wenn die Jagd erfolgreich war und sich demzufolge „auf Vorrat ernährt“ und es darum auch nicht nötig wäre, den Hund zweimal täglich pünktlich zu füttern. Ich möchte aber behaupten, dass es der Gesundheit unserer Hunde nicht zuträglich wäre, wenn ich unserem Müsli und unserer Bommeline alle drei Tage ein halbes Rind zum Verzehr anbieten würde, denn abgesehen davon, dass Müsli damit vermutlich nicht einmal etwas anfangen könnte, weil er seine Futterkroketten jedem ungebratenen Kalbsschnitzel vorzieht und lieber an Möhren knabbert, als an den Gebeinen toter Tiere, kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass der Wolf-Hund-Vergleich hinkt.

Natürlich stammt der Hund vom Wolf ab und auch das Exterieur, respektive der Aufbau des Körpers und die Körpersprache sind sich nach wie vor weitestgehend sehr ähnlich, auch wenn natürlich ein Mops weniger an einen Wolf erinnern mag, als beispielsweise ein Husky, der mit dem Wolf auch noch die meisten Grundinstinkte teilt, während die meisten anderen Hunderassen sich auf mehr oder minder vier Grundinstinkte beschränken, welche sie mit ihrem Urahn Wolf noch gemeinsam haben:

  • Sozialer Rudelinstinkt
  • Jagdinstinkt
  • Sexualinstinkt
  • Territorialinstinkt

Weil jedoch die Körperform die Körpersprache beeinflusst, ist diese Ausdrucksform beim Hund durch die züchterischen Veränderungen seines Aussehens, wie Langhaarigkeit, kürzere Ruten, verkürzte Schnauzen, Farbveränderungen und Schlappohren eingeschränkt, denn es entstehen hierdurch mimische Defizite. Statt dessen orientierte sich der domestizierte Haushund immer mehr am Menschen, der sich vor allem durch akustische Kommunikation verständigt. Dazu kommt, dass es beim Hund – im Gegensatz zum Wolf, keine natürliche Selektion gibt, was bedeutet, dass die Evolutionsregel vom „Survival of the fittest“, nach der sich bei Wildtieren nur der stärkste und gesündeste Artenvertreter fortpflanzt und vererbt, nicht mehr eingehalten wird.

Der Magen-Darmtrakt eines Wolfes mag also durchaus in der Lage sein, auf ein unregelmäßiges Futterangebot ohne Verdauungsprobleme zu reagieren, weil sein Organismus sich über die Jahrhunderte so entwickelte, dass es sich den – in seinem natürlichen Lebensraum vorgegebenen – Möglichkeiten zur Ernährung anpasste und sich nur die Tiere weitervererbten, die unter diesen Umständen zu überleben in der Lage waren. Bei den Haushunden, die sich jedoch teils durch gezielte Zucht und Selektion nach bestimmten rassetypischen Merkmalen und auch teils ungeplant vermehrten, fällt jedoch dieses natürliche Ausleseverfahren praktisch weg. Dass sich also auch Hunde vermehren und damit ihre genetischen Probleme weitervererben können, welche – wenn sie als Wolf geboren worden wären – vermutlich keine hohe Lebenserwartung gehabt hätten und als rangniedrige Tiere keine Nachkommen hätten zeugen dürfen, unterscheidet den Hund vom Wolf.

Ein Wolf mit gesundheitlichen Einschränkungen ist nicht in der Lage zu überleben und wird sich auch nicht weitervererben, womit auch die Population gesund gehalten wird – ein Hund mit gesundheitlichen Einschränkungen erhält eine spezielle Diätnahrung oder Medikamente, mit denen er kaum oder gar nicht mehr von den gesundheitlichen Mankos in seinen Körperfunktionen eingeschränkt wird und damit kann er nicht nur alt werden, sondern sich auch fortpflanzen und seine Anlagen zu gesundheitlichen, aber auch zu charakterlichen Mängeln weitervererben.

Mir geht es an dieser Stelle gar nicht darum, nun den VDH oder die Züchter an den Pranger zu stellen, welche mit ihrer Zucht nach einem Zuchtziel-Ideal streben, bei dem oft die Ausprägung der Rassemerkmale höher bewertet wird, als die Zuchttauglichkeit im Bezug auf gesundheitliche Risiken oder die Langlebigkeit. Gewiss ist das HD oder ED-Röntgen inzwischen bei vielen Rassehundeverbänden zur Pflicht geworden und auch rassetypische Krankheiten, wie beim Leonberger das LPN1-Problem (vererbte Polyneuropathie beim Leonberger) finden in den Zuchtgedanken immer mehr Berücksichtigung. So gibt es inzwischen einen Gentest für die vererbte Polyneuropathie beim Leonberger, um der Verbreitung dieser neurologischen Erkrankung vorzubeugen, bei welcher betroffene Hunde unter zunehmender Belastungsintoleranz leiden und typische Auffälligkeiten im Gang entwickeln, von welchen besonders die Hintergliedmassen betroffen sind. Die Polyneuropathie beim Leonberger kann darüber hinaus einhergehen mit Atemproblemen, sowie verändertem Bellen und kann so weit fortschreiten, dass der Hund nicht mehr selbständig stehen kann. Trotzdem ist ein LPN1-negativer Gentest keine Voraussetzung, um einen Hund in der Zucht einzusetzen und es bleibt nach wie vor der Verantwortung des einzelnen Züchters überlassen, ob er mit einem solchen Hund züchtet.

Doch wie bereits erwähnt, geht es mir an dieser Stelle nicht um dieses sicherlich sehr brisante Thema, sondern darum, dass wir als Mensch den Hund von seinem Urahn Wolf „wegformten“ und für mich darum der Vergleich hinkt, dass ein Wolf keinen erhöhten Fressplatz und keine regelmäßigen Mahlzeiten braucht und folglich der Hund, der ja vom Wolf abstammt, diese Bedürfnisse auch nicht haben kann. Schließlich bekommt der wildlebende Wolf auch keine Medikamente oder tierärztliche Behandlungen, um gesund zu bleiben, denn wenn er sich verletzt, dann muss die Wunde entweder von selbst heilen oder sie ist so schwer, dass das Tier daran stirbt … wer aber würde seinen verletzten Hund sich selbst überlassen, nur weil er vom Wolf abstammt, dessen Wunde vielleicht auch ohne die Hilfe eines Veterinärs wieder heilen kann?

Nur weil der Wolf bestimmte Möglichkeiten, die sein Wohlbefinden erhöhen könnten, nicht in seinem natürlichen Lebensraum findet, bedeutet es nicht, dass er nicht davon profitieren könnte und nur weil der Hund vom Wolf abstammt, muss das nicht heißen, dass man als Mensch und Hundebesitzer diese Erkenntnisse und Entwicklungen ignoriert, die dem Wohlbefinden des Hundes zuträglich sein können. Schließlich fühlen wir uns gerade im Winter in warmer Kleidung auch wohler, respektive würden rasch krank werden, wenn wir und bei Minustemperaturen fast unbekleidet draußen aufhalten und ziehen es vor, in einem Haus zu wohnen, statt uns in einer Höhle vor Sonne, Sturm, Regen oder Schnee zu verkriechen, obwohl unsere Vorfahren, die Neandertaler, unter diesen Lebensbedingungen durchaus existieren konnten. Aber wir haben uns über die Jahrtausende der Evolutionsgeschichte weiterentwickelt und uns der Zivilisation und ihren Annehmlichkeit angepasst und genauso wurden auch die Hunde über Jahrhunderte von ihrem „Ursprung Wolf“ weggezüchtet und damit auch anfälliger für Krankheiten. Natürlich trägt der domestizierte Haushund trotzdem noch zumindest die bereits erwähnten vier der eigentlich 16 Grundinstinkte des Wolfes mehr oder minder tief in sich drin, aber mit dem in freier Natur wild lebenden Wolf unser domestizierter Haushund etwa gleich viel gemeinsam wie wir mit den Naturvölkern in den Regenwäldern Südamerikas oder in den Wüsten Zentralafrikas! Viele Gene mögen noch die gleichen sein. Aber durch die Sozialisierung in unserer Gesellschaft wurde der Hund unseren Bedürfnissen entsprechend züchterisch geformt, so dass er kein Wolf mehr ist! Insofern haben sich auch seine Bedürfnisse an die Möglichkeiten angepasst, die wir ihm bieten, denn dem Hund fehlen nicht nur die meisten Grundinstinkte des Wolfes, sondern auch dessen Robustheit und dessen gute gesundheitliche Basis, durch die es auch überflüssig wäre, den Wolf in seiner Gesunderhaltung nicht durch Spezialnahrung zu unterstützen, weil er kein Diätfutter braucht, um nicht krank zu werden … aber mancher Hund braucht es, auch wenn er ursprünglich vom Wolf abstammt.

Allein die Tatsache, dass Wölfe lediglich jahreszeitlichen Temperaturunterschieden ausgesetzt sind, die sich so langsam vollziehen, dass sich die Tiere ihnen durch einen Fellwechsel anpassen können, während Hunde im Winter mehrmals täglich starken Temperaturschwankungen ausgesetzt werden, wenn sie in der beheizten Wohnung leben und beim „Gassi gehen“ mit Minustemperaturen konfrontiert werden, sollte deutlich machen, dass es nicht nur „lächerlich“ ist, wenn immunschwächeren oder extrem kurzhaarigen Hunden ein „Mäntelchen“ angezogen wird, sondern dass eine solche prophylaktische Maßnahme einen solchen Hund vor einer Erkältung schützen kann.

Nicht zu vergessen ist auch die Umweltbelastung, durch welche die Allergieneigung der Hunde stetig ansteigt – nun quasi zu sagen: „Der Hund stammt vom Wolf ab und Wölfe bekommen auch kein hochwertiges getreidefreies Hundefutter, also muss auch mein Hund das abkönnen, normal weitergefüttert zu werden!“, wäre meiner Meinung nach unverantwortlich dem Hund gegenüber, denn schließlich verpflichten wir uns doch damit, dass wir einen Hund zu uns nehmen auch dazu, alles zu tun, was in unserer Möglichkeit steht, damit sein Wohlbefinden gesichert ist.

Gewiss ist es nicht zu begrüßen, wenn man den Hund zum Luxusgeschöpf hochstilisiert, das weit weg von einer artgerechten Hundehaltung „krankverwöhnt“ wird. Doch mir geht es nicht darum, dafür zu werben, den Hund in Kostüme zu stecken oder ihm gar die Haare zu färben, denn es gibt für mich einen Unterschied zwischen den Möglichkeiten, dem Hund wirklich etwas Gutes zu tun, das seinem Wohlbefinden dient und fasch verstandener Tierliebe, die in maßloser Übertreibung gipfelt, mit der Hunde unter dem Verwöhnen durch ihre Besitzer leiden müssen.

Bei allem, was man für den Hund tut, sollte immer im Vordergrund stehen, dass es zu seinem Wohl geschieht und nicht nur die Eitelkeit des Menschen befriedigt, der sich mit diesem Hund schmückt, denn der Hund sollte noch Hund sein dürfen … oder wie es Robert Lembke formulierte: „Der Hund möchte keine Flöhe haben, aber das Recht zugesprochen bekommen, welche zu kriegen zu dürfen“.

Fazit

Mein Fazit ist also, dass die Bedürfnisse des domestizierten Haushundes mit denen des Wolfes nicht mehr vergleichbar sind, denn der Wolf ist für sein Wohlbefinden selbst verantwortlich, aber für unseren Hund tragen wir die Verantwortung dafür, dass es ihm gut geht und was immer sein Wohlbefinden unterstützt und dem Hund nicht schadet, sollte möglichst nicht versäumt werden.

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